Bisherige aktuelle Bücher (Archiv)

Gianni Francesetti, Michaela Gecele, and Jan Roubal (Eds.)
Gestalt Therapy in Clinical Practice:
From Psychopathology to the Aesthetics of Contact

Milan, Italy: Franco Angeli, 2013, Gestalt Therapy Book Series, 762pp., 10 Tables, 2 Figures.
ISBN: 97888204-20727 € 55,00

Buchbesprechung von Robert Elliot:

Albrecht Boeckh hat die Besprechung ins Deutsche übersetzt. Sie ist in Gestalttherapie: Forum für Gestaltperspektiven, Heft 2, 2014, erschienen.

zur Buchbesprechung Elliot

 
Hans Peter Dreitzel (2014)
Lebenskunst und Lebenslust
Entwicklung und Reife aus gestalttherapeutischer und integraler Sicht. (Reflexive Sinnlichkeit Bd. III) EHP 2014

Als einer der bekanntesten Lehrer der Gestalttherapie in Deutschland, hochverdienter Professor für Soziologie und in der wahrhaft ungewöhnlichen Kombination beider Kompetenzen hat Hans Peter Dreitzel mit seinen beiden ersten Bänden Emotionales Gewahrsein – Mensch – Umwelt – Gestalttherapie (1992) sowie Gestalt und Prozess (2004) bereits schwergewichtige Beiträge zur Entwicklung der Gestalttherapie geleistet. Nun (2014) folgt ein Buch über Lebenskunst und Reife, als sichtbarer Ausdruck der gereiften Früchte einer langen beruflichen und persönlichen Entwicklung. Als unverzichtbar gelten ihm auch hier folgende Anliegen: alle Themen auf ihren gesellschaftspolitischen Kontext zu beziehen und die Achtsamkeitspraxis in individueller und kultureller Hinsicht ins Zentrum der Betrachtungen zu stellen. In diesem Buch geht es um gutes Leben als sinnvolles Leben. Für diesen Weg werden Weisungen gegeben. Weil so etwas in der Praxis der Gestalttherapie nicht lege artis ist, soll dies nicht als ein psychotherapeutisches Buch betrachtet werden. Es ist auch nicht gedacht als Ratgeber-Literatur, sondern als Anregung zum Nachdenken, -spüren, zum Ausprobieren und Üben. Mit dem Ziel menschlicher Reife und einer Lust am Leben. In dieser Spannung hält sich der thematische Bogen.

Teil I: Projekt eines guten Lebens

Die Frage ist zunächst, was denn ein gutes Leben sei. Die Antwort baut auf gestaltischen Maximen auf: Leben als Abenteuer, mit Neugier; alles fließt; das Leben geschieht im Hier und Jetzt; im Spüren, Fühlen und Ausdrücken, in innerer Freiheit im Sinne von Selbstregulation und kreativer Anpassung. Zusätzlich macht der Autor zwei weitere Elemente geltend: das Sich- Befreunden (dieses ist auch bei Paul Goodman ein wichtiges Moment, K.H.) und das Maßhalten im Sinne der antiken Philosophie.

Anders als Adorno, der meinte, „Es gibt kein gutes Leben im schlechten“ besteht Dreitzel auf der gesundheitsfördernden Wirkung rebellischer Selbstbehauptung, verstanden als Aggression, die im Dienste des Lebens steht und gegen lebensfeindliche Systeme vorgeht, wie es ein unkontrollierter Kapitalismus und wuchernde Bürokratien sind (ganz im Sinne Paul Goodmans, K.H.). Im Unterschied zu anderen gesellschaftsaufklärerischen Schriften verwendet Dreitzel viel Sorgfalt auf die psychologische Durchdringung dieser Fragen. Dadurch wird eine Wirkung auf die Leserschaft jenseits moralischer Appelle möglich. Er thematisiert die psychischen Bedingungen, die für eine selbstbestimmte Aktivierung wichtig sind: Vitalität, schöpferische Erregung, ungehinderter Fluss der Gestaltbildung, Aufmerksamkeit und Vorsicht, Selbst-Bewusstsein. Als weiterer Unterschied zu so manchen gesellschaftskritischen Werken zeugt es von angemessener Eigenbeschränkung, wenn Dreitzel davon spricht, dass sich seine Überlegungen nur auf diejenigen Gesellschaften richten, deren Grundbedürfnisse gesichert sind. Seine Appelle richten sich nicht an hungernde oder um ihre Sicherheit fürchtende Menschen, sondern an „WohlstandsbürgerInnen“, die über die alltägliche materielle Behaglichkeit hinausgehen wollen.

Freud hatte seinerzeit eine durch „Triebunterdrückung“ erreichte Anpassung an das von ihm so genannte „Realitätsprinzip“ zur humanen Notwendigkeit erklärt, weil nur dadurch die gesellschaftlichen Normen gewahrt würden. Er hatte damit eine negative Antwort auf die wichtige Frage gegeben, wie weit ein psychisch gesundes auch ein „gutes Leben“ sei. Dieses Konzept lässt der Autor nicht gelten. Auch nicht die christliche Überlieferung, die hiesige Freuden zugunsten einer Erlösung im Jenseits verdammt. Er führt seine Sicht des „guten Lebens“ auf eine antike, also vorchristliche Idee zurück, die vor allem bei Epikur und Seneca verankert ist. So ein Leben beruht auf der Erfüllung der leiblichen Bedürfnisse und einem Geist, der nicht verwirrt ist. Beides zusammen lässt Freude am Leben aufkommen. In der Gestalttherapie wird diese Sichtweise um die Entfaltung der persönlichen Potentiale erweitert. Sie versteht das Leben, auch das menschliche (unter dem Einfluss von Goldstein, Smuts und anarchistischer Philosophen, K.H.) als selbstregulierend. Die Gesetze der Gestaltbildung ermöglichen sinnvolle Handlungen im Austausch und in der Auseinandersetzung mit der Umwelt. Hans Peter Dreitzel weist darauf hin, dass dem das neue Verständnis der Biologie vom Leben als ständiger Balance zwischen Chaos und Ordnung sehr nahekommt. Daher wählt er schließlich die „sättigende Erfahrung ausreichend befriedigender Kontaktprozesse“ als phänomenologische Grundlage guten Lebens im Hier und Jetzt. Daraus ergibt sich unter anderem die Lust am Abbau überholter Vorstellungen und einschränkender Tabus. Statt einer allgemeingültigen Moralität als Bindestoff wird hier auf das Mitgefühl gesetzt. Und darauf, dass ein glücklicher Mensch per se eine gute Ausstrahlung auf seine Umgebung hat.

Teil II „Entwicklung und Reifung“: Das Leben als Sinn-Gestalt

Dreitzel geht es im Fortgang des Buches um Entwicklung und Reifung über das reine Erwachsenwerden hinaus, unter dem Hinweis, dass beides in der Gestalttherapie ausgespart werde. Der Wachstumsbegriff von Perls und Goodman reiche hier nicht aus (was ich so nicht teilen kann, vgl. auch den Hinweis auf vertikales lebenslanges Wachstum bei Fuhr/Gremmler-Fuhr 2001, 111, K.H.). Dieser Begriff wird allerdings meistens sehr unspezifisch als Akkumulation von Erfahrung definiert, als Folge gelungener Kontakte, am ehesten unter „lebenslanges Lernen“ zu verbuchen. Der Autor betont, dass die Frage, wohin den Klienten sein Wachstum führt, kein Thema der Psychotherapie als solcher sei. (Auch das finde ich aus meiner Erfahrung heraus nicht in jeder Hinsicht schlüssig. Sobald nämlich die betreffende Person damit ein Problem hat, gehört es bearbeitet. Es stellt sich immer wieder als Hintergrund für Einzelprobleme heraus. K.H.) Jedenfalls: Während Reife in der Gestalttherapie vorwiegend als Selbständigkeit im Sinne relativer Autonomie und als Selbstverantwortung gefasst wird, hat Hans Peter Dreitzel diesen Begriff im vorliegenden Buch besonders in dem Aspekt von Verantwortung für die Umwelt und für die Mitwelt zum zentralen Thema gemacht. Also: Er hinterfragt gesellschaftspolitisch den Kapitalismus und besteht doch andererseits psychologisch auf der Lebenslust. Und fügt, als sei das noch nicht genug der Breite seines Ansatzes, das Thema des Vergehens, des Lebensendes, hinzu. Diese Kehrseite des Wachstums fehle ihm in der Gestalttherapie. Für ihn steht das gute Leben nicht in Widerspruch zum Gewahrsein seiner Endlichkeit.

Der Autor wirft zusätzlich einen Blick von außen auf den möglichen Verlauf eines solchen Lebens. Er bringt ein Entwicklungsmodell in Spiel, als Kompass, damit der Lebensfluss die Richtung auf ein glückliches, erfülltes und verantwortungsvolles Leben nimmt. Dazu macht er eine Anleihe bei Ken Wilbers integraler Perspektive, welche bisher nur Fuhr und Gremmler-Fuhr aufgegriffen in dem Versuch, sie in die Gestalttherapie zu integrieren. Wilber baut auf dem Konzept des „Holons“ (von griechisch „holos“ = ganz) von Arthur Koestler (1947) auf. (Allerdings: Smuts „Holismus“ sowie die Begriffe „Ganzheit“ und „Gestalt“ sind verwandte Konzepte in der Gestalttherapie. K.H.) Beispiel: man kann einen Körper als Holon bezeichnen, dann ist z. B. ein Organ eine diesem untergeordnete Ganzheit. Eine Zelle ist eine wiederum dem Organ untergeordnete Einheit. (Dies verstand Koestler als Beitrag zur Allgemeinen Systemtheorie, die einen Ausweg aus dem Dualismus von Atomismus und Holismus leisten sollte. Koestler erkannte, dass alle komplexen Systeme eine hierarchische Struktur gemäß ihrer Komplexitätsebenen aufweisen. K.H.) Auf dieses Konzept greift Wilber zurück, und Dreitzel hebt mit ihm vier Tendenzen von Holons als allgemein vorhanden hervor: Differenzierung, welche in Richtung Autonomie geht / Integration, die in Richtung Zusammenschluss geht/ die Tendenz zur Selbst-Transzendenz d.h. Aufgehen in der höheren Einheit/ Selbstauflösung in weniger komplexe Bestandteile.

Die Integration dieser vier Tendenzen gehört zum Reifungsprozess dazu. Es sind dabei Vorgänge möglich, die mit dem Begriff der „Emergenz“ bezeichnet werden: ein Evolutionssprung auf eine höhere Komplexitätsebene. Hier geht es um den geistig-seelischen Bereich und um die mögliche Steigerung des Bewusstseins. Der Autor lädt anhand dieses Fortschrittsgedankens ein zu einer Vertiefung des eigenen Bewusstseins.

Da er den gesellschaftlichen Kontext als unabdingbaren Rahmen individuellen Bemühens und Verstehens immer mitdenkt, greift er auch Wilbers Übertragung dieser Bewusstseinsstufen in den gesellschaftlichen Bereich auf. Hier kommt es zu einer Unterscheidung von irrational, rational und transrational. (Wahrscheinlich ist hier statt „irrational“ „prärational“ gemeint. K.H.) Dieses Modell erlaubt einen „großen Bogen“ über den Ablauf der Menschheitsgeschichte zu schlagen und bietet damit zumindest eine Möglichkeit, eine evolutionäre Entwicklungsstruktur im Bereich des menschlichen Geistes zu erkennen. Statt von „Stufen“ spricht Wilber letztlich von „Wellen, die sich durchaus überlappen. Jede Welle baut auf den früheren auf und enthält weiterhin die älteren als Möglichkeiten, auch der Regression. Der Bogen geht von „archaisch-instinkthaft“ über „magisch-animistisch“ über „Götter /Macht“, „Konformismus/Regeln“, „Wissenschaft/Leistung“ zum „empfindsamen Selbst“.

Ich teile die Meinung des Autors, dass so eine Betrachtung nützlich ist zur Orientierung in einem evolutionären Gesamtrahmen. Und es ist offensichtlich, dass die Gestalttherapie als eine Frucht dieser letzten Welle interpretiert werden kann und eine Methode bereit stellt, das „empfindsame Selbst“ zu fördern. Und genau das ist dem Autor ein zentrales Anliegen, auch in gesellschaftspolitischer Hinsicht.

Er widmet sich im Folgenden den katastrophischen weltpolitischen Herausforderungen sowie einigen langfristigen „Megatrends“ unserer Zeit in einer beeindruckenden Zusammenschau und gibt Menschen mit einem „empfindsamen Selbst“ Hinweise des Umgangs mit diesen. Wie sich zuerst um die eigene Vitalität kümmern, ohne die sich die notwendige Kreativität nicht einstellt? Heißt das nicht, das Pferd vom Schwanz her aufzuzäumen? Nein, denn ohne Subjektivität geht gar nichts – sie ist unser Tor zur Welt und die Basis unserer Kompetenzen, unserer Wahrnehmungen, unserer Bewertungen. Es geht um die Selbst-Transformation des Bewusstseins.

Nur über die Selbsterkenntnis kann der Mensch die Welt in ihren grundlegenden Zügen erkennen und zu vernünftigem Handeln kommen. In der Gestalttherapie steht dies im Zentrum der Bemühung. Als Methode fügte sie etwas Neues hinzu: Konzentration auf die Resonanzen des gesamten leib-seelischen Organismus im Hier und Jetzt. Selbsterfahrung führt zu Selbsterkenntnis, das kann nach der Entdeckung des Unbewussten nicht anders sein. Schon in der Konzentration liegt ein Zu-sich-selbst-Kommen und die Entdeckung, wie ich funktioniere. Daraus, dass dies übers Spüren geht, erwächst ein Handlungsimpuls. Aus reflexiver Sinnlichkeit entsteht also eine Motivation der Annäherung an die Welt. Besonders schön finde ich den Hinweis, dass Weltoffenheit nicht nur im Verhältnis zur Außenwelt, sondern auch im Binnenverhältnis zu den eigenen Tiefen und Untiefen ihren Sinn hat.

Teil III: Kontemplation und Reifung, unbekanntes Ziel

Die von Wilber aus verschiedensten Studien und Theorien kompilierten „Entwicklungsebenen des Bewusstseins“ können eine Hilfe sein, die eigene Entwicklung zu verstehen und sich auch zu verorten: wo hat man etwas ausgelassen, was hat man erreicht. Die transpersonale Stufe weist über das rein Individuelle hinaus in spirituelle und mystische Erfahrungsbereiche. Hans Peter Dreitzel plädiert für Kontemplation und Meditation als eigenständige Erkenntniswege, womit er sich im Einklang mit vielen alten und reifen kulturellen Strömungen befindet.

Auch diesem Hinweis Wilbers schließt sich der Autor an: je mehr Kontemplation und Meditation, desto schneller kann man sein Bewusstsein weiterentwickeln. Daher weist er der Übung des Gewahrseins durch Meditation eine ganz besondere Bedeutung zu und widmet ihr den dritten Teil dieses Buches – in einer Vielzahl von Übungsanleitungen.

Das vom Philosophen Peter Sloterdijk erst vor einigen Jahren (2009) in den Fokus gerückte „Üben“, das in der buddhistischen Tradition so bedeutsam ist, in der christlichen Tradition aber zugunsten des Betens sehr in den Hintergrund gerückt wurde, meint eine Selbstschulung, die Weg und Ziel zugleich ist. Und ein Gegenmittel gegen die Veräußerlichung und Verflüchtigung des Selbst- Bewusstseins im Materialismus und Kapitalismus. Es bekommt hier einen ganz allgemein kulturell bedeutsamen Stellenwert. Der Fokus auch auf das Körperbewusstsein ist wiederum etwas, das Gestalttherapie und Buddhismus, ganz im Sinne des Gründers Fritz Perls, verbindet. In dem vorliegenden Buch finden sich Überlegungen zur Vertiefung und Weiterentwicklung der Gestalttherapie, Philosophie und viel Bezug auf Gesellschaftstheorie – ein seltener Glücksfall: ganz im Hier und Jetzt – auch zeitgeistig und gesellschaftstheoretisch. Der Autor manifestiert und aktualisiert in seinen Gedankengängen, was an Breite in der Gestalttherapie konzeptionell von Beginn an und absichtlich von den Gründern angelegt wurde. Dass die individuelle „Fürsorge für sich selbst“ und gesellschaftliche Verantwortung nicht auseinander driften müssen, wird hier gezeigt.

Die immer wieder einmal verdichtete Intensität des Anspruches im Sinne von Ansprechen, Appellieren lässt die Dringlichkeit ermessen, die Hans Peter Dreitzel angesichts des gegenwärtigen Zustandes der Welt spürbar machen will - die Gelegenheit zu ergreifen, ein zugleich der Krise bewusstes und doch sogar glückliches Leben zu führen. Im Einklang mit dem „Feld“ und mit sich selbst, weil mit klarer Wahrnehmung und offenen Sinnen. Eine paradoxe Einstellung, die man auch als existentiell bezeichnen könnte. Ein indisches Sprichwort sagt: „Wer den Tiger nicht reitet, den frisst er.“ Es gehört also Mut dazu, aber auch Bescheidenheit: Sich mit dem zu bescheiden, was erreichbar ist.

Wissenschaftlich das Universum zu ergründen, gefühlsmäßig vielleicht sogar die ganze Menschheit, doch im Handeln nur einen begrenzten Bereich bearbeiten zu können. Und: es darf einem gut gehen dabei. Ein Mensch, der ein elendes Leben führt, weil er andere im Elend weiß, vergrößert das Elend der Welt. Ein Mensch, der Glück ausstrahlt, gibt Glück weiter. Und seine Handlungen werden von dieser positiven Gestimmtheit geleitet sein. Hier wie auch bei allen anderen Themen baut der Autor Erkenntnisse aus der Sozialforschung mit ein; er kombiniert den Blick aufs Individuum und sein Innenleben mit der Außensicht und dem Einbezug der großen Zahl. So entsteht ein fundiertes Bild dessen, worum es hier geht. Als Fazit wird die Definition guten Lebens als „freie Weltbegegnung“ (Seel 1998) formuliert, was dem Menschenbild der Gestalttherapie gut entspricht, wenn man es durch den Faktor „Gewahrsein“ ergänzt. Hans Peter Dreitzel nennt es auch „Bewusstheit“ oder „reflexive Sinnlichkeit“. Es ist das Medium, in dem sich der Austausch mit der Umwelt bewusst erleben lässt. Und das, was für die Heilung eingesetzt wird, wenn die leibseelischen Funktionen gestört sind. Fazit: „So gesehen enthält das Menschenbild der Gestalttherapie … das Projekt eines guten Lebens, wie es eine jahrtausendealte philosophische Tradition vor und jenseits des Christentums im Abendland entwickelt hat.“

Abschluss

Am Schluss wird noch einmal „ein Fass aufgemacht“: die Frage nach einer möglichen aufgeklärten Spiritualität. Die buddhistische Lehre von der Ich-Losigkeit erscheint nicht sinnvoll. Sondern die Ego-„Zwiebel“ zu schälen, die Schichten uns beherrschender Begierden und Vor-Urteile in Achtsamkeit aufzulösen. Dann bleibt nicht ein „Nichts“, sondern Lebensenergie und unser „ursprüngliches Gutsein“. Das narzisstische Überschießen emotionaler Energien ist das Problem, nicht diese selbst. (Eine andere Sicht auf das „Nichts“ bietet Salomo Friedlaender mit seiner Polaritäten-Lehre, wo die „innere Mitte“ im Aufsuchen der Indifferenz zwischen zwei Polen gefunden wird. Das „Nichts“ erscheint als Empfinden des Ruhens in der Mitte zwischen zwei polaren Alternativen. Hier wird klar, dass nicht das Ich das Problem ist, sondern das Verhaftetsein an Einseitigkeiten und Extreme. K.H.)

Das gestalttherapeutisch verstandene „Ich als Kontaktgrenze in Bewegung“ reduziert das Ich auf die Selektion von Wahrnehmungsdaten zur Sicherstellung einer Kohärenz der Erfahrungen, was Hans Peter Dreitzel als Integrationsfunktion bezeichnet, die psychotherapeutisch zugänglich ist. Er verweist darauf, dass die allgemein eingetretene Verflüssigung des Festen sich auf die Quantenphysik berufen kann, hier gibt es nur ein beständiges „processing“ von Formen und Gestalten. Entscheidend für das In-der-Welt-Sein der Menschen sind ihre Potentiale und Fähigkeiten. (Genau das war ja für Fritz Perls der Ausgangspunkt seiner Theorie. K.H.) Dreitzel bemerkt dazu: „Vorerst bleibt unsere Subjektivität ein unausgeloteter und möglicherweise unauslotbarer Kontinent.“ Er bringt ein Zitat von Benedikter 2013: „Das >Ich< ist der archimedische Punkt, von dem alles ausgeht…“ Für Dreitzel kann sich die Subjektivität als Teil des Ganzen erleben (wiederum bei Friedländer inhärent. K.H.), damit öffnet sich ein „transzendentaler Erfahrungsraum.“ Dazu bringt er noch ein Zitat von Brunton 1987: „… man ist das Bewusstsein, in dem man die Äußerung >Ich< tut.“ Für dieses Meta-Bewusstsein schlägt Dreitzel „Bewusstheit“ vor.

Das Ego ist der notwendige Agent des Überlebens im Alltag. Es kann von Introjekten gereinigt, vom Egoismus befreit und insgesamt verfeinert werden, da es das Potential zur Offenheit gegenüber der Bewusstheit hat. Es geht also nicht um Zerstören des Ich, sondern um ein Transzendieren auf eine neue Bewusstseinsebene.

Hans Peter Dreitzel verweist auf zaghafte Versuche im Westen, eine neue Spiritualität zu etablieren. Sie stellt die durch den Menschen mit übernommene bewusste Evolution in den Mittelpunkt. Der Hauptgedanke ist, dass wir Menschen nun selbst bewusst die Evolution vorantreiben. (Auch das findet sich schon bei Friedlaender. K.H.)

Welche Gestalt müsste eine solche Evolution haben? Wir sind hier als Menschen zu einer direkten Stellungnahme aufgefordert. Es geht um eine neue philosophisch-anthropologische Ethik, die das Was und Wozu unseres Wollens betrifft. Dies kann nicht durch Rückgriff auf den Darwinismus beantwortet werden, der sich an der rückwärts gerichteten Sicht auf den „homo oeconomicus“ orientiert. Im Buddhismus ist es das Mitgefühl, das weiter bringt, in der neuen Spiritualität die Verantwortung, die aus der Einsicht in die Zusammenhänge erwächst. Ist dafür „Erleuchtung“ ein passender Ausdruck oder „Aufklärung“? Der Biologe Wilson 2013 fordert statt“ enlightenment“ ein „enlivement“ – eine neue Lebendigkeit. Für Hans Peter Dreitzel bedeutet das achtsame Lebenspraxis, die zu Lebensfreude führt.

Dieses Buch kann für eine lange Zeit des Lebens ein Begleiter sein.

K. Höll, Rezension 20.11.14

 

Nancy Amendt-Lyon (2013)
case Unclosable
CreateSpace Independent Publishing Platform 2013, ISBN-10: 1492306460, $ 14,40

„L'Chaim!“ („Auf das Leben!“)

„Tell me where he is! “ Mit diesem Schrei wacht Anna aus einem ihrer Alpträume im Juli 2003 in Wien auf. Seit geraumer Zeit kehren diese Nacht für Nacht wieder, peinigen sie, zerrütten ihr Seelenleben. Und immer sucht sie in den qualvollen Träumen nach ihrem Vater und kann ihn nicht finden.

Er – ein New Yorker Anwalt und Bagel Bäcker - hat Anna das Manuskript eines Kurzromans hinterlassen. Es ist der einzige literarische Text, den er verfasst hat und er beschreibt darin, wie er Anfang der 1970er Jahre zur Zeit der Franco Diktatur den Fall eines jungen Amerikaners – Marvin – übernimmt, der wegen des Besitzes einer zu großen Menge an Marihuana in Spanien inhaftiert ist.

Anna vertieft sich in dieses Manuskript. Zur gleichen Zeit beschäftigt sie sich mit ihrer eigenen Geschichte. Sie versucht die Botschaft zu finden, die in ihren Alpträumen enthalten ist. Wir lesen einen Roman im Roman. Kapitel aus dem Kurzroman des Vaters und Rückblenden auf das eigene Leben wechseln sich ab. Die Erlebnisse des Vaters im „Fall Marvin“ werden zum Hintergrund für die Geschichte der Tochter, die Erzählstränge berühren sich und entwickeln sich dann wieder eigenständig weiter – ein kunstvolles Spiel auf mehreren Ebenen.

Was veranlasst Paul Davis – Annas Vater – den „Fall Marvin“ zu übernehmen, obwohl er kein Spanisch kann, keine Zulassung als Anwalt in Spanien hat und damit nur sehr eingeschränkt handlungsfähig ist? Wir erfahren, dass er es auf Drängen von Marvins Mutter – Bella – tut, die als Jüdin in Auschwitz inhaftiert war, den Holocaust überlebte und nach New York auswanderte. Er tut es auch aus Solidarität, da seine Eltern ebenfalls einer osteuropäischen jüdischen Familie entstammen, die schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts in die USA immigriert ist. Und wie er in seinem Roman berichtet, hat Bela seinen schwachen Punkt getroffen, indem sie zu ihm sagt: „I know that you’ll do for Marvin what you would do for Alice.“ „Alice“ nennt er seine Tochter Anna in seinem Roman.

Anna ist das einzige Kind von Paul Davis und heiratet 1973 einen Österreicher, der aus einer Familie stammt, in der zahlreiche Familienmitglieder Nationalsozialisten sind. Als Anna beschließt, mit ihrem Mann nach Österreich zu gehen, „a country which, along with Germany, had been so inimical, to put it mildly, to Jews“, hält ihre Familie sie für verrückt. Anna weiß, wie ihr Vater über Österreich denkt: „I knew that my father viewed Austria as a hotbed of ant-Semitism and provincial xenophobia, even long after the war. He tried to drum into my head that nothing had changed in the Austrian prejudice against Jews, despite the fact that hardly any Jews lived there anymore. “

Aus Annas Rückblenden wird deutlich, wie sehr ihr Vater mit seiner Ansicht Recht behalten sollte. Ob sie vom Familienwohnsitz ihres Mannes in Kärnten berichtet (1971), dem Jahr in Linz (1972), in dem sie sich vollständig isoliert und fehl am Platz fühlt, den vielen Jahren in Graz (1973-1987), danach in Krems (2006) und Wien (2012): Überall taucht der in Österreich gerne verleugnete Hass auf Juden und Fremde auf und es wird deutlich, wie schwer die Österreicher es ihnen machen, sich hier zugehörig, sicher und zu Hause zu fühlen. Annas Erzählungen bestätigen den Befund von Imre Kertesz in seinem zuletzt erschienen Buch „Letzte Einkehr“, in dem dieser von der Gefahr eines „Nach-Auschwitz-Antisemitismus“ spricht, „einem Antisemitismus, der Auschwitz will“. Wenn wir wissen wollen, wie es um das gesellschaftliche Klima in unserem Land bestellt ist, tun wir gut daran, diese Stimmen zu hören.

Wie Paul Davis den „Fall Marvin“ löst, wird hier nicht verraten. Nur so viel: Der Roman liest sich wie ein Thriller. Wie groß Annas Sehnsucht nach einem „anderen Österreich“ ist, lässt sich daran ablesen, dass sie jede kleine Veränderung zum Positiven im Verhältnis der ÖsterreicherInnen zu ihrer Vergangenheit dankbar aufgreift, u.a. die Initiative „Steine der Erinnerung“ in Wien oder das „Fest der Freude“ am 8. Mai 2013 am Heldenplatz.

Indem Anna den Roman ihres Vaters liest und ihr klar wird, was er alles für Marvin getan hat, realisiert sie Schritt für Schritt, wie sehr ihr Vater sie geliebt hat und sie beschließt seinen Roman zu veröffentlichen. Ihre Alpträume enden.

Dem Leser des Romans „Case unclosable“ wird deutlich, was Anna mit ihrem Vater verbindet: Mut, Courage, Durchhaltevermögen, Fleiß, Witz, Klugheit, Kreativität, ausgeprägtes politisches Bewusstsein und Solidarität. Und nicht zuletzt: Welcher Verlust für Österreich mit der Ermordung und Vertreibung so vieler jüdischer Mitbürger verbunden ist.

Ernst Mayerl

 

Jean-Marie Robine (2011)
On Occasion of an Other.
Gestalt Journal Press. Goldsboro. (325 S.)

Das nunmehr 6. Buch von Jean-Marie Robine enthält im 1. Teil 6 theoretische Artikel, die chronologisch die Entwicklung seiner Gedanken zur Spurensuche nach und der Ausweitung von Basiskonzepten der gestalttherapeutischen Gründungstexte wiedergeben - teils schon anderweitig publiziert; es folgen ein Interview mit R. Wallstein, im 2. Teil Therapievignetten und eine konkludierende Erläuterung zu seiner therapeutischen Haltung.

Er ordnet den Zeitpunkt des Erscheinens und die teils gegensätzlichen Formulierungen (insbesondere Texte über das Selbst) des Buches von Perls/Hefferline/Goodman der Schnittstelle zwischen Moderne und Postmoderne zu (40ff). Die Postmoderne firmiert bei ihm weder als Schlagwort, noch versetzt er den ihr oft anhaftenden negativen Stempel; Robine entfaltet seine Kenntnis derer vielfältiger Strömungen, um dabei die Akzentsetzung Paul Goodmans nachzuzeichnen und fortzuführen, zu der er auch über langen Kontakt mit Isadore From Zugang hat.

In Ausarbeitung des „Id oft the situation” (P/H/G, s.o.) plädiert Robine für besondere Aufmerksamkeit auf die Phase des Vorkontaktes, in der zu leichtfertig z.B. auf Vergangenes (Bekanntes) recouriert werden kann (296); der Prozess hin auf Unbekanntes, Neues, Ungeplantes etc. wird in der Begegnung des Therapeuten-Klienten-Feldes vorangetrieben. Sich als Therapeut betroffen und berührt zu fühlen ist ein Instrument, um das Gegenüber zu verstehen (163); auch ein Symptom etwa ist ja an jemand gerichtet und möchte ankommen (149).

Die Therapietranskriptionen des 2. Teils lassen spüren, wie sich J.M. Robine in feinen Nuancen mit seiner Wahrnehmung einbringt, um das Gegenüber in seiner Suchbewegung zu unterstützen. Robine versteht sich als reflektierender Spiegel für den Patienten, um den Prozess des Selbsts in Bewegung zu halten (290).

Bezugnehmend auf Otto Ranks Forderung, bei jedem Patienten die ganze Psychopathologie neu zu bedenken, warnt Robine aber vor der Simplifizierung, die Spontaneität des Therapeuten bloß als Impulsivität oder Reaktivität zu verstehen (294f). Psychotherapie als Begegnung ist für ihn nicht der wissenschaftlichen Kausalität verpflichtet, sondern als Praxis dem gemeinsamen Interesse an dem, was für den Patienten im Erleben der Situation als Nächstes prägnant wird. Mag für E. Polsters Arbeit dessen Buchtitel „Every persons´s life is worth a novel” gelten, so würdigt M.V. Miller in seinem langen, interessanten Vorwort Robines theoretische Arbeit als darin gelungen, die psychotherapeutische Sitzung als „Bühne für das idiosynkratische, unvorhersagbare Drama menschlicher Existenz” (24) wiederherzustellen.

Ein Buch zum Schmökern und Berührtwerden, von einem Autor, dem zu begegnen sich lohnt.

Mag. Leopold Kröll

 

Philippson, Peter (2009).
THE EMERGENT SELF.
An Existential-Gestalt Approach. London: Karnac Books.

Der Begriff bzw. die Konzeptualisierung des Selbst in der Gestalttherapie stellt sich als ein weites Land dar, in dem viel Raum für Heterogenität ist.

Peter Philippson hat diesem weiten Land eine Theorie über das Selbst hinzugefügt. Ich finde sie verständlich, konsistent in ihrem Aufbau und für die psychotherapeutische Arbeit praxisrelevant. Ausführlich dargelegt hat der Autor sein Konzept bereits in seinem 2001 erschienenen Buch "Self in Relation".

In seinem aktuellen Werk "The Emergent Self" präsentiert Philippson nun noch knapper und präziser seine Gedanken über die Emergenz des Selbst und die Implikationen für die Psychotherapie. Unter Emergenz versteht man die spontane Herausbildung neuer komplexer Eigenschaften aus dem Zusammenspiel von Elementen, die diese Eigenschaften nicht besitzen. In der Neurowissenschaft beispielsweise wird die Entstehung von Bewusstsein auf das komplexe Zusammenspiel der Neuronen zurückgeführt.

Philippsons theoretische Hintergründe fußen zum einen auf einem breiten Spektrum an Erkenntnissen aus den modernen Naturwissenschaften wie Quantenphysik, Mathematik, Chaostheorie sowie der Neurowissenschaft. Zum anderen integriert er bekannte philosophische Einflüsse der Gestalttherapie wie die Phänomenologie und östliche Denkweisen. Auch gedankliche Aspekte des Existentialismus finden Eingang in seine Überlegungen.

Der Autor begibt sich auf die Suche nach den Ursprüngen unseres Universums und setzt sich mit der Potenzialität und Sinnhaftigkeit eines menschlichen freien Willens in einem Universum, das physikalischen und chemischen Gesetzmäßigkeiten folgt, auseinander. Er diskutiert die Dialektik zwischen Vorhersagbarkeit und Unberechenbarkeit unserer Welt und landet in letzter Konsequenz bei der Frage: Wer oder was stirbt? über den Versuch Antworten auf diese existenziellen Fragen zu geben, entwickelt Philippson in "The Emergent Self" noch einmal seine Theorie, wie das Selbst entsteht.

Wie sieht nun sein Konzept des Selbst aus?

In seiner Einleitung zitiert er Perls: "So the self is to be found in the contrast with the otherness." (S.1).

Das Selbst taucht auf und bildet sich im Kontakt sowie in der Auseinandersetzung mit unserer Umwelt. Es ist kein innerpsychischer Prozess, dessen Essenz zu einem Selbst wird, sondern in der Identifizierung und Abgrenzung zu Möglichkeiten, die uns das Zusammenleben mit Menschen offeriert und manchmal auch abverlangt, entwickeln wir Bewusstheit über unser Selbst (vgl. Sterns intersubjektive Matrix).

Und Perls weiter: "There is a boundary between the self and the other, and this boundary is the essence of psychology" (S.1).

In seiner Theorie definiert Philippson drei „boundaries“, interagierende Grenzen, aus denen sich unser Selbst formiert:

1) An der organischen Grenze (Id-boundary) ist es die Interaktion des Organismus mit der Umwelt über die Haut und unsere Sinne - es ist die Wahrnehmung des Feldes. Hier gibt es noch kein Ich, das erfährt, sondern es ist ein passiver Erfahrungsprozess an der physischen Grenze. Die Funktion dieser Grenze ist Erfahrung.

2) An der Ich-Grenze (Ego-Boundary) ist es ein aktiver, zielgerichteter und differenzierter Prozess, bei dem nun tatsächlich Kontakt im Sinne der Gestalttherapie möglich ist. Hier wähle ich aus und grenze mich ab (Figur-Grund).

Ich kann durch Kontakt die Welt verändern. Aus dieser Interaktion mit anderen Menschen kann etwas Unerwartetes und Uberraschendes emergieren und die Welt kann mich verändern. Die Funktion dieser Grenze ist Kontakt.

Diese ersten beiden Grenzen sind Schöpfungen des Augenblickes, es ist die Hier und Jetzt Begegnung (vgl. dazu Sterns "the present moment").

3) An der Persönlichkeits-Grenze (Personality-boundary) geht es um unser Bedürfnis nach Kontinuität unseres Selbst. Hier identifiziere ich meine Werte, gehe Verbindlichkeiten ein und habe langfristige Beziehungen. Ich ko-kreiere mir eine relativ stabile Umwelt, die selbst wiederum zu einem Gefühl meines überdauernden Selbst beiträgt. Ich bin mir meiner Selbst bewusst. Die Funktion dieser Grenze ist Autonomie.

Philippson beschäftigt sich mit der Frage, wie ein Selbst, das sich im Kontakt und in der Begegnung mit der Welt verändert Kontinuität entwickeln kann. Wie wir ein stetes Verständnis unserer Selbst behalten und trotzdem offen für die Erschütterungen durch die Welt (im Goldsteinschen Sinne, Anm. U.K.) bleiben können? Er sieht ein überdauerndes Selbst zum Teil als Illusion und zum Teil als Konstrukt und ergänzt, dass es Arbeit bedeutet, um der/die Selbe zu bleiben angesichts aller Möglichkeiten, die uns das Leben bietet.

Philippson zeigt in seinem Buch, wie er sein Modell als diagnostisches Instrument heranzieht, um sich auf die jeweilige momentane Situation in einer psychotherapeutischen Sitzung einzulassen. Anhand diverser Fallbeispiele konkretisiert er die manchmal abstrakt und abgehoben wirkenden theoretischen Ausführungen und legt dar, wie er mit Störungen und Fixierungen, die an jeder der genannten Kontaktgrenzen auftauchen können, umgeht.

Im letzten Kapitel schließlich umreißt Philippson nochmals in groben Zügen sein Verständnis von Gestalttherapie und verweist u.a. auf die holistischen Ansätze von Smuts und Goldstein sowie auf den ursprünglichen Begriff des Selbst von Perls.

Das Buch ist trotz seiner Kürze inhaltlich äußerst gehaltvoll. Ich finde es ob der naturwissenschaftlichen Komplexität nicht immer leicht zu lesen. Aber die Beschäftigung mit Philippsons Gedankenwelt bekräftigt und bestärkt in mir jenen Optimismus, der mich auch Psychotherapeutin hat werden lassen: Dass wir uns immer wieder auch neu erschaffen (können).

Was brauchen wir dazu? Life that changes in its usual messy way! (Philippson, 2009, S. 114).

Mag.a Ulrike Köck

 

Hellmuth Metz-Göckel (Hg) (2008)
unter Mitarbeit von Ferdinand Herget, Jürgen Kriz und Ernst Plaum.
Gestalttheorie aktuell
Handbuch zur Gestalttheorie, Band 1.
Wien, Krammer Verlag. 314 S., € 25,-, ISBN: 978 3 9018 11 36 4
Erscheint in "Phänomenal - Zeitschrift für Gestalttheoretische
Psychotherapie" (Wien, Krammer Verlag) Nr. 1/2010.

 

Um es gleich zu sagen, ich habe dieses Buch mit einem Gefühl der Freude und Erleichterung zur Hand genommen, denn das wünsche ich mir schon lange: die aktuelle Gültigkeit der Gestalttheorie und deren vielfältige Bezüge zu neueren Entwicklungen in anderen Wissenschaftsdisziplinen dargestellt zu bekommen. Ich betrachte es als wichtige Aufgabe der  näheren Zukunft, das Basispotential der Gestalttheorie für die Gestalttherapie neu zu bewerten. Mit dem Untertitel „Handbuch“ wird hier der Anspruch auf eine umfassende Darstellung ausgesprochen. Das lässt mich hoffen auf weitere Bände.
Im Vorwort begründen die Herausgeber die Sinnhaftigkeit ihres Vorhabens mit der Renaissance der Gestalttheorie, die auf die Fruchtbarkeit der zentralen These - der Ganzheitlichkeit des Psychischen - zurückgeht. Die Bedeutung dieser These wird vor allem im Zusammenhang mit der Erklärung von Komplexität, Emergenz und Selbstorganisation sichtbar. Das Handbuch soll daher dem Brückenschlag zwischen der aktuellen wissenschaftlichen Diskussion und den Grundlagen, Weiterentwicklungen und Anwendungen der Gestalttheorie dienen.
Die Herausgeber weisen darauf hin, dass viele neuere theoretische Entwicklungen in der Psychologie unerkannt und ungenannt an gestalttheoretische Konzeptionen angelehnt sind, etwa in den Bereichen Lernen und Gedächtnis, Gruppenprozesse, Einstellungen und Vorurteile sowie Entwicklungspsychologie. Ebenso greife man in der Germanistik, der Kunsttheorie und Philosophie auf gestalttheoretische Erkenntnisse zurück.
Es wird in diversen Beiträgen an Beispielen aufgezeigt, wie gestalttheoretisches Denken in verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen von Nutzen sein kann.

Metz-Göckel ruft heute noch gültige Grundlagenerkenntnisse der Gestalttheorie in Erinnerung, die auf die erste und zweite Generation von Forschern zurückgehen. Auf den Punkt gebracht, geht es um die Bestimmung psychischen Geschehens als System, das alle Charakteristika eines Feldes hat. Es folgt dem Gleichgewichtsprinzip, ist selbstorganisiert, zielgerichtet, tendiert zu höherer Ordnung auf komplexerem Niveau und führt zu neuen Zuständen (Emergenz). Durch empirische Ergebnisse, auch aus neueren Ansätzen wie der Kognitionspsychologie, wird diese Kernaussage illustriert. Eher nebenbei wird bemerkt, dass die Selbstorganisation durch Zwangsmaßnahmen von außen wie auch durch interne Restriktionen beeinträchtigt werden kann. Dies ist von eminenter psychotherapeutischer, aber auch politischer Bedeutung.

Jürgen Kriz erweitert die psychologische Perspektive hin zu einer interdisziplinären, indem er das Konzept „Gestalt“ durch zwei bedeutsame Relationen beschreibt: ein spezifisches System-Umwelt-Verhältnis und die jeweilige Bottom-Up- und Top-Down-Dynamik bzw. Mikro-Makro-Dynamik. Letzteres kann man als eine Umformulierung des klassischen „die Teile und das Ganze bestimmen einander wechselseitig“ interpretieren. In dem Hinweis, dass genau durch diese beiden Relationen auch die modernen interdisziplinären Systemtheorien gekennzeichnet sind, ergibt sich die „Passung“ wie von selbst. Kriz charakterisiert deren zentrales Konzept „Selbstorganisation“ als eine Entsprechung zur „Selbstaktualisierung“ bei Goldstein.

Es kommen Gründe für die mangelnde Akzeptanz der Gestalttheorie und neueren Systemtheorie im kulturellen Feld (außer in Italien ist der Gestaltansatz in Europa stark unterrepräsentiert) zur Sprache. Besonders bemerkenswert sei das für Deutschland, wo die meisten Gestaltpsychologen vor der Zerschlagung dieses Ansatzes durch das Nazi-Regime tätig waren. Ich halte allerdings meine eigene Vermutung, dass sich hier ein Verdrängungsvorgang zeigt, für nicht allzu abwegig. Gerade die Psychologie war in Deutschland stark den Nazis verfallen (vgl. dazu Ulfried Geuter 1988).

Ebenfalls findet Kriz diese mangelnde Akzeptanz angesichts eines Überhangs naturwissenschaftlicher vor geistes- und sozialwissenschaftlichen Ansätzen in der Psychologie erstaunlich. Letzteres Paradox ließe sich aber, so meine ich,  auflösen durch einen Blick auf das vorherrschende mechanistische Weltbild des aktuellen Wissenschaftsprogramms. Es prägt bereits seit 350 Jahren die Selbstverständlichkeiten unserer Alltagswelt. Dieser traditionellen Art zu denken, zum Beispiel mit den Stichworten „Fremdorganisation“, „Homogenität“, „Kontrolle“, „lineare Ursache-Wirkung“ charakterisierbar, sind die ganzheitlich-dynamischen Eigenschaften und die originäre Ordnungstendenz spezifischer System-Umweltverhältnisse fremd. Das zeige beispielsweise die völlige Abwesenheit von Konzepten wie „Selbstbestimmung und schöpferische Freiheit“, „Individualität und Einmaligkeit“, „Geschichtlichkeit“, „Kontext-Eingebundenheit“ in der Psychologie. Hier handelt es sich nämlich um einen Paradigmenwechsel, der explizit von Seiten der Gestalttheorie und verwandter Ansätze in die wissenschaftliche Diskussion stärker hineingetragen werden müsste.

Kriz wendet sich als Beispiel für eine moderne Systemtheorie der Synergetik Hermann Hakens zu, in der es mehr Hinweise auf die klassische Gestaltpsychologie gebe als in etlichen psychologischen Werken. Er greift zwei Konzepte heraus, „Emergenz“ und „Attraktor“, und bringt sie in Verbindung mit gestalttheoretischen Parallelkonzepten wie „Unmittelbarkeit“ und „Prägnanz“. Wohlbekannte physikalische, biologische, psychologische und soziale Phänomene, so wird gezeigt, lassen sich aus dieser Perspektive gleichermaßen neu und analog darstellen. Das ist nicht so verwunderlich wie es auf den ersten Blick aussieht, denn schließlich, so der Autor, haben sich die Grundlagen unserer Kognition und ebenso unserer Gesellschaftsbildung auf der biologischen Ebene stets in Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit entwickelt. Das Thema teleologischer Entwicklung, lange Zeit in der abendländischen Wissenschaft verpönt, kommt durch Attraktoren und Komplettierungsdynamiken von Systemen wieder in den Blick.

Die Entstehung von Bedeutungsfeldern im Zusammenhang mit Komplettierungsdynamiken ist ein weiteres Thema. Kriz hebt abschließend die Erklärungsprinzipien der Gestalt- und der Systemtheorie in ihrer Komplexität als besonders menschengerecht hervor. Das halte ich für einen wunderbareren Ansatz mit noch vielen Entwicklungschancen.

Marianne Soff behandelt „Entwicklungspsychologie unter einer gestalttheoretischen Perspektive“. Sie weist zunächst die Vielfalt der Arbeiten bekannter Gestalttheoretiker zu diesem Thema auf. Neben Koffka kommen Metzger und Lewin zur Sprache, letzterer mit seinem „Lebensraum“- Konzept. Die Autorin erarbeitet anschließend unter Berücksichtigung anthropologischer und erkenntnistheoretischer Konzepte Fundamente einer gestalttheoretisch orientierten Entwicklungspsychologie. Einen besonderen Schwerpunkt bildet die Autonomie-Entwicklung, unter Rückgriff auf Erikson, Piaget, Kohlberg, Oerter und Loevinger. Soff findet weitgehend gestalttheoretische Grundkonzepte wie Selbstorganisation, Differenzierung und Entwicklung in Richtung ausgezeichneter Zustände zentral im Loevinger’schen Ansatz bestätigt. Zu den von Soff übernommenen Loevinger’schen  Entwicklungsstufen ist die weitgehende Auslassung der neueren Säuglingsforschung mit ihren bahnbrechenden Erkenntnissen über die Selbstorganisationspotentiale und die Umweltbezogenheit des Säuglings und Kleinkindes kritisch anzumerken. Eine daraus abgeleitete Revision der psychoanalytisch orientierten  Entwicklungsstufen findet sich bei Dörner 1993.
Zum Abschluß werden Überlegungen über das allgemeine Autonomie-Niveau von Erwachsenen und über günstige soziale Umstände für die Autonomie-Entwicklung angestellt.
Auch das ein zukunftsträchtiges Thema.

In weiteren Beiträgen wird eine ganze Anzahl von Bereichen: soziales Lernen, psychologische Diagnostik, Semantik, Kunst, Musikwissenschaft, Lehrerausbildung in Verbindung mit den jeweilig bedeutungsvollen gestalttheoretischen Konzepten gebracht. Hier zeigt sich die vielfältige Anwendungsfähigkeit dieser Konzepte, wie sie sich aus ihren metatheoretischen Eigenschaften ergibt.

Insgesamt ein sehr lesenswertes Buch. Es weckt Erwartungen in Hinblick auf die geplanten Folgebände. Wünschen würde ich mir einen Beitrag sowohl zum zeitgeschichtlichen wie zum wissenschaftstheoretischen Kontext dieser Theorie.

 

Kathleen Höll

 

Peter Schulthess / Heide Anger (Hg.) (2009)

Gestalt und Politik:

Gesellschaftliche Implikationen der Gestalttherapie. Bergisch Gladbach: EHP Verlag Andreas Kohlhage.

 

Einleitung
Psychotherapie ist immer auch als ein Stück politische Arbeit zu verstehen, d. h. individuelles Leiden spielt sich immer auch vor dem Hintergrund eines gesellschaftlichen Gefüges ab, bzw. ist als Leiden an der Gesellschaft zu verstehen. Nicht umsonst postuliert Alain Ehrenberg (2004) ein „erschöpftes Selbst“ – eine kollektive depressive Reaktion auf die allgemeine Überforderung durch eine immer gnadenloser agierende Leistungsgesellschaft. „Welches Ausmaß an Resilienz soll der Mensch noch aufbringen, um dem immer stärker werdenden Druck stand halten zu können?“ mag man aus psychotherapeutischer Position anfragen – gerade auch in die Richtung von Politik und Wirtschaft. Somit greift das Buch eine hochrelevante Thematik auf.

Darstellung des Inhalts
Psychotherapie ist immer auch eine Form der politischen Auseinandersetzung. Dieses Anliegen in einem Herausgeberwerk explizit zum Thema zu machen, sollte als engagiertes Projekt gewürdigt werden. Hier wird dieser Zusammenhang fokussiert auf die Gestalttherapie dargestellt, d. h. zentrale Konzepte der Gestalttherapie werden für das Individuum, für Gruppen und die Gesellschaft diskutiert – die politische Dimension der Gestalttherapie soll herausgearbeitet werden. Bisher wurde wenig dazu publiziert, wobei auf die Arbeiten von Blankertz (1988), Höll (1999) bzw. Schulthess (2003) verwiesen wird. Auch wurde vom IG Wien im November 2009 eine Fachtagung zu diesem Thema veranstaltet. Die Vortragenden bzw. die AutorInnen der Texte des Buches sind nicht dieselben – das Buch versteht sich somit als mehr als ein Tagungsband. Ein Blick in das Inhaltsverzeichnis vermittelt mir, als interessiertem Laien den Eindruck, als dass es den Herausgebern gelungen ist, allgemein etablierte AutorInnen für die Mitarbeit zu begeistern.  Nach einem Vorwort der HerausgeberInnen leitet Bernd Bocian mit „Zeitgeschichtliche und politische Einflüsse auf Fritz Perls und die Gestalttherapie“ ein. Bocian darf vor allem durch rezente Publikationen (z. B. Bocian, b. (2007) Fritz Perls in Berlin 1893 – 1933: Expressionismus – Psychoanalyse – Judentum) als federführend hinsichtlich einer Auseinandersetzung mit der zeitgeschichtlichen Einbettung von Gestalttherapie gelten. Peter Schulthess greift in weiterer Folge den Buchtitel auf und vermittelt  dabei wichtige Grundlagen zur Thematik. Gerd Westermayer beschreibt in seinem Artikel die mögliche Wirkung von „Town Meetings“ für die betriebliche Gesundheitsförderung. Dieter Bongers trägt in seinem Aufsatz dann weiter zu Klärung hinsichtlich der vielfältigen Verflechtungen von Gestalt und Politik bei. Auch, wenn es den Rahmen sprengen würde, weiter auf jeden einzelnen der zwölf Beiträge einzugehen, möchte ich mit Nachdruck auf den sehr gelungenen Artikel von Hans Peter Dreitzel hinsichtlich der Rolle der Gestalttherapie im Spiegel der Weltkrise hinweisen. Als mutig empfinde ich das Unterfangen einiger AutorInnen, sich dem Thema Krieg, bzw. den Geschehnissen im Dritten Reich aus dem Blickwinkel der Gestalttherapie zu nähern. Kollektive Neurotizismen/Introjekte belasten bis heute die Befindlichkeit mehrerer Generationen schwer und stellen somit eine besondere Herausforderung für die Psychotherapie dar. Auch bieten diese Beiträge einen weiteren Aspekt zur reflexiven Auseinandersetzung in der Arbeit mit traumatisierten Patienten.

Conclusion
Insgesamt fügt sich das Buch in die Reihe der in letzter Zeit erschienenen, hochwertigen Publikationen zur Gestalttherapie nahtlos ein. Es vermag eine Lücke hinsichtlich der politischen Einbettung von Gestalttherapie zu schließen und ist zudem noch spannend zu lesen. Möglicherweise hätte man die besondere politische Relevanz der Gestalttherapie auch durch Bezugnahme auf andere Therapieschulen in einem eigenen Beitrag stärker würdigen können. Dies hätte das Anliegen unter Umständen noch transparenter gemacht. Nichts desto trotz möchte ich das Buch als durchaus gelungen weiterempfehlen.

DDr. Human-Friedrich Unterrainer

 
Frank-M. Staemmler
Das Geheimnis der anderen – Empathie in der Psychotherapie Wie Therapeuten und Klienten einander verstehen
Stuttgart, Klett-Cotta 2009, 320 S., € 32,90

Zuerst erschienen in der Zeitschrift "Gestalttherapie: Forum für Gestaltperspektiven",
23.Jahrgang, Heft 2/2009, S. 154-6.

Einer alten Gewohnheit folgend, habe ich beim Lesen des Buches mit dem Literaturverzeichnis begonnen. Es umfasst 31 Seiten und belegt die Vielseitigkeit und den Drang des Autors, seelische Vorgänge zu verstehen und herauszufinden, welche Möglichkeiten die Psychotherapie hat, diese zu beeinflussen. Verständnis ist eines der Schlüsselwörter des Buches. Wie können wir andere Menschen überhaupt verstehen? Wie ist es bei aller Unterschiedlichkeit und Individualität, die uns Menschen auszeichnet, möglich, sich in das seelische Erleben eines anderen Menschen hineinzuversetzen, hineinzudenken oder einzufühlen? Welche Erklärungsansätze lassen sich dafür finden und was bedeuten diese für Theorie und Praxis der Psychotherapie?

Frank Staemmler hatte sich in der Vergangenheit schon mehrmals kritisch über bestimmte Vorstellungen von Empathie geäußert (Staemmler, Therapeutische Beziehung 1993, 44f und ders., Der leere Stuhl 1995, 120). Ich war deshalb neugierig, was ihn jetzt dazu bewogen hatte, diesem Thema ein ganzes Buch zu widmen. „Denn mir geht es ... in erster Linie darum, das ungeheure therapeutische Potential, das in der menschlichen Einfühlsamkeit steckt, besser zu verstehen und damit für die psychotherapeutische Praxis besser nutzbar zu machen“(19).
Zuerst gibt es einen Blick zurück. Das traditionelle Verständnis von Empathie wird vorgestellt: „Empathie ist eine Form der Zuwendung, bei der die Therapeutin darum bemüht ist, die Erfahrungswelt ihres Klienten möglichst genau zu erfassen, ohne dabei ihr Bewusstsein für die Grenze zwischen dem Selbst und dem Anderen zu verlieren.“ (30) Rogers, Perls und Kohut werden zitiert und deren Auffassungen anschließend einer Kritik unterzogen.

Erster Kritikpunkt: Nicht nur die TherapeutIn ist empathisch – auch die KlientIn. Empathie gehört zur anthropologischen Grundausstattung – wie „Sehen, Hören, Fühlen, Riechen und Schmecken“ (35).
Zweiter Kritikpunkt: Empathie ist ein Vorgang, der mit der dualistischen Philosophie von Descartes (res cogitans/res extensa) nicht verstanden werden kann. Die „Entkörperlichung“ muss überwunden werden. Dazu wird das Konzept des „Leibes“ aus der Phänomenologie herangezogen. „Der ‚Leib’ ist in phänomenologischer Terminologie der erlebte und belebte Körper.“ (48)
Dritter Kritikpunkt: Die einseitige Betonung des Individualismus führt in die Isolation. Empathie ist ein intersubjektiver Vorgang. „Werden, wer man ist, kann man nicht alleine.“(61)

Mit diesen grundlegenden anthropologischen Annahmen ist eine Hintergrundfolie ausgebreitet, vor der Staemmler sein erweitertes Konzept von Empathie ausarbeitet. Im zentralen Kapitel seines Buches Leibliche Einfühlung – „Einleibung“ stellt er Ergebnisse der Psychologie, Phänomenologie und der Neurowissenschaften vor. Er findet dabei eine auffällige Übereinstimmung dieser drei Wissenschaften zum Thema Empathie vor. Alle drei belegen, dass Empathie zuallererst ein leibliches Geschehen ist, das nicht bewusst herbeigeführt werden kann oder muss, weil die Fähigkeit zur Empathie zur Grundausstattung aller Menschen gehört und sich in jeder Begegnung zwischen Menschen spontan und unwillkürlich einstellt. Sie ist sozusagen der primäre Vorgang in der Begegnung mit dem Anderen. Eine Steuerungsmöglichkeit – so legen es die Forschungsergebnisse nahe  - gibt es nur insoweit, dass Empathie verhindert oder unterdrückt werden kann.

Die Sicht der Psychologie, die Staemmler aus zahlreichen experimentellen Arbeiten zusammengestellt hat (u.a. Paul Ekmans Theorie über das facial feedback, die Theorie der altero-zentrierten Partizipation von D.N. Stern und die vielen Untersuchungen, die er im Zusammenhang mit der mimetischen Synchronisierung anführt), ist beeindruckend und spannend zu lesen. Diese psychologischen Experimente belegen für Frank Staemmler, wie eng Körper und Seele miteinander verbunden sind.

Die Konzepte der Leiblichkeit und der Perspektivität, die von der Phänomenologie entwickelt wurden, dürften den meisten GestalttherapeutInnen bekannt sein. Ausführlich kommt Edith Stein – eine Schülerin Edmund Husserls – zu Wort. Sie hat 1917 eine Arbeit „Zum Problem der Einfühlung“ verfasst. Das ist eine interessante aber sprachlich schwierige Lektüre.

Im Abschnitt über die Neurowissenschaften stellt der Autor die bahnbrechende Entdeckung der Spiegelneuronen vor. Hier hebt sich Frank Staemmler wohltuend von unkritischen Rezipienten neurowissenschaftlicher Theorien ab. Er ist sich der wissenschaftstheoretischen Fragestellungen, die für den Bereich der Naturwissenschaften gelten, bewusst. So vermeidet er „Kurzschlüsse“ und Kategorienfehler, die häufig Hand in Hand gehen mit der Begeisterung für neurowissenschaftliche Innovationen. Wenn es für Frank Staemmler auch viele offene Fragen im Zusammenhang mit den Forschungsergebnissen der Neurowissenschaften gibt, so legen diese für ihn doch nahe, dass Menschen auf Grund der Spiegelneuronen aktuelle Verhaltensweisen anderer unmittelbar verstehen können. Mit J. Decety fasst er die Befunde zusammen: „Die Art, wie unser Nervensystem organisiert und von der Evolution geformt worden ist, stellt den basalen biologischen Mechanismus für die Resonanz mit Anderen bereit.“ (183) Damit ist auch auf einer biologischen Ebene die Basis gelegt, um den Begriff der Konfluenz neu zu überdenken.

In einem weiteren Schritt geht es Frank Staemmler dann darum, den individualistischen Ansatz des traditionellen Empathiebegriffes zu erweitern. Dabei greift er auf ein Konzept zurück, dass ebenfalls von Phänomenologen entwickelt wurde, um eine übergreifende Dimension zu beschreiben. Empathisches Geschehen zwischen Menschen wird dabei als immer schon in eine gemeinsame Situation eingebettet verstanden. Nicht das Individuum steht im Zentrum der Aufmerksamkeit, der Fokus wird vielmehr auf das gemeinsame Ganze gerichtet. „Die Einfühlung, die dabei stattfindet, besteht vornehmlich in dem Gespür dafür, wie es ist, sich gemeinsam mit dem Anderen in dieser gemeinsamen Situation zu bewegen und von ihr bewegt zu werden...“(225)

Nachdem Frank Staemmler ausführlich die psychologischen, biologischen und philosophischen Untersuchungen zur Empathie dargelegt hat, geht er in einem letzten Kapitel auf die Frage ein: „Warum ist Empathie heilsam?“ Bei der Beantwortung greift er auf den Grundsatz der Interiorisierung von L.S. Vygotskij zurück: „ich verhalte mich zu mir so, wie andere Menschen sich zu mir verhalten.“ (269) Indem in der gemeinsamen Situation zwischen TherapeutIn und KlientIn ein empathischer Austausch gelingt, lernt die KlientIn, auch dann zu sich empathisch zu sein, wenn sie einmal allein ist und sich niemand Anders ihr zuwendet. Ein solches empathisches Verhalten sich selbst gegenüber gibt die Sicherheit, die Verbindung zu sich und zu anderen immer wieder neu herstellen zu können und sich so die seelische Gesundheit erhalten zu können.

Bei jedem Schritt, mit dem Frank Staemmler das traditionelle Empathiekonzept erweitert, schildert er die Auswirkungen auf das psychotherapeutische Setting. Viele Beispiele aus der eigenen Praxis (eines, das mir besonders gut gefällt, veranschaulicht, was mit der gemeinsamen Situation gemeint ist und findet sich in Textbox 65) lockern den anspruchsvollen Theorieteil auf und beinhalten behandlungstechnische Anregungen. Der Autor hat sich nicht nur bemüht, die Ergebnisse der Forschung zusammenzutragen und weiterzudenken. Seine Absicht war es auch – und das ist ihm sichtlich gelungen -  ein gut lesbares Buch zu schreiben. Es gibt nicht nur die schon erwähnten Textboxen, in denen zentrale Begriffe komprimiert dargestellt und für das Verständnis wichtige Personen kurz vorgestellt werden. Am Ende eines jeden Kapitels findet sich ein Resümee und an einigen Stellen helfen Grafiken, die komplexen Gedanken zu verstehen.

Ernst Mayerl

 

Wollants, Georges
Gestalt Therapy: Therapy of the Situation.
2007
Faculteit voor Mens en Samenleving, Turnhout, Belgium. ISBN 9789081262316, 206 pages.

 

Georges Wollants’ book, representing a culmination of his life’s work, will be just as appealing as an introduction to the theory and practice of Gestalt as it will enrich the experienced Gestalt therapist with a very timely perspective. The basic text by Perls, Hefferline & Goodman, “Gestalt Therapy. Excitement and Growth in the Human Personality” (referred to here as PHG), is Wollants’ starting point. The author criticizes PHG’s inconsistent focus on the unitary organism-environmental field in the original book. Wollants deplores the tendency on the part of PHG to focus on intrapsychic phenomena, to ignore the context of a person’s behavior, and to lapse into what Gordon Wheeler called the “individualist paradigm”, neglecting the revolutionary, relational paradigm shift implicit in other sections of their own text, in which they advocate a perspective that is explicitly relational, dynamic, and context-based.

Wollants prefers the term “situation” to that of “field”, since “situation” more closely resembles daily life. Thus, in advocating Gestalt therapy as a therapy of the situation, Wollants is proposing a consistent field perspective which is convincing. Moreover, he reconnects Gestalt therapy theory to its important roots in the Gestalt theory of the Berlin School, which emphasizes attending to the requirements of the entire situation in person-world relations. Striving for self-realization is situationally characterized. Accordingly, Gestalt therapists are faced with the chore of focusing on the situation of the patient, that is, on the complete context, and must include themselves as an essential part of this situation. “This means that the ultimate client of our psychotherapeutic occupation is the interplay of the person and his phenomenal environment, and this in turn implies that the Gestalt therapist defines personal problems in terms of the interactional whole consisting of the person and his world (Wollants, 2007, p. 9).”

The misapplication of the contact cycle is another focus of Wollants’ criticism. He contends that the contact cycle has at times been reduced to homeostatic self-regulation, on other occasions “misused by gestalt practitioners who label and judge their clients’ safety operations as contact disturbances or resistances to contact (ibid., p. 4)”. Wollants has “tried to re-introduce a view of contact in which even the smallest effort to deal with anything that interferes with an ongoing contacting process can be considered as a necessary preparation for completing a person-environment interaction, i.e. for achieving contact (ibid.).”

Particularly interesting is Wollants’ attentiveness to language, and he must be commended for having taken on a project of this size in a foreign language (his native language is Flemish). For instance, he describes “the bodying forth of the situation” as a development of how our body informs us of meaning, informed by the Gestalt theory of expression. There are a number of brief clinical examples illustrating his theoretical concepts. Nonetheless I felt that longer descriptions of person-world relations would have enhanced the detailed and fascinating way that Wollants has presented Gestalt therapy as a therapy of the situation.

The book is comprised of six chapters, entitled “From a monopersonal approach to a therapy of the situation”, “The developing situation”, “Impairing situations”, “Concepts of Gestalt therapy revised”, “The bodying forth of the situation” and “The therapeutic situation in practice” respectively. For optimal comprehension, I recommend reading the chapters in succession.

Dr. Nancy Amendt-Lyon

 

Heide Anger, Peter Schulthess (Hrsg.)
GESTALT-TRAUMATHERAPIE
Vom Überleben zum Leben: Mit traumatisierten Menschen arbeiten
2008
280 Seiten; ISBN: 978-3-89797-901-7, € 28,-

Der Band vermittelt den State of the Art der gestalttherapeutischen Arbeit mit traumatisierten Menschen: Grundlagen, Methoden und Praxis der Traumatherapie, u.a. Kriegstraumatisierung, Armut und Trauma, Traumafolgestörungen, Dissoziative Fugue, Traumabehandlung von Kindern und Jugendlichen, Albträume, Genderperspektiven.

Verlagstext

Eine ausfühliche Buchbesprechung von Mag. Leo Kröll als download: Buchrezension Mag. Leo Kröll

Francesetti, Gianni (Hrsg.) Panic Attacks and Postmodernity. Gestalt Therapy Between Clinical and Social Perspectives. Milano: FrancoAngeli, 2007, €22,00

In diesem Buch widmen sich Francesetti und Co-AutorInnen den Fragen, warum Panikattacken heute so weit verbreitet sind, welche Beziehung zwischen diesem akuten Symptom und unserer gegenwärtigen Gesellschaft existiert, und welche neuen Einsichten die Gestalttherapie bieten kann, um sich dieses Problem anzunehmen und zu lösen versuchen. Francesettis Ansatz betrachtet Panikattacken sowohl als Ausdruck der persönlichen Lebensgeschichte wie auch als Phänomen, das aus einer geschichtlichen Ära der Unsicherheit, Fragmentierung und zunehmenden Komplexität resultiert. In diesem Licht sind Panikattacken Symptome der weit verbreiteten gesellschaftlichen Malaise, eine Manifestierung der Zerbrechlichkeit und der verwickelten Probleme so typisch für den postmodernen Kontext. Klinische und phänomenologische Sichtweisen, gemeinsam mit gestalttherapeutischen Konzepten, ermöglichen einen geeigneten Zugang zu und einen störungsspezifischen Umgang mit den Symptomen der Panikattacken. Klinische Beispiele zeigen wie das Auftauchen von Panikattacken zu neuen, angemessenen schöpferischen Lösungen durch die Neu-Organisation der persönlichen Beziehungen und des Lebensansatzes der Betroffenen führen kann.

 

Dr. Nancy Amendt-Lyon 

Das Vorwort von Dan Bloom auf Englisch als download: Preface Dan Bloom

Bocian, Bernd (2007) Fritz Perls in Berlin 1893-1933. Expressionismus – Psychoanalyse – Judentum. Herausgegeben und mit einem Geleitwort von Anke und Erhard Doubrawa. Peter Hammer Verlag, Wuppertal, 380 Seiten. ISBN 978-3-7795-0086-5

Dieses Buch ist eine wahre Goldgrube an Informationen über alles, was Fritz Perls in der ersten Hälfte seines Lebens erlebt und geprägt hat. Mit einer unglaublichen Ausführlichkeit, Detailliertheit, und vor allem seiner Herstellung von Zusammenhängen, hat Bernd Bocian ein wichtiges Werk geschrieben. Wer frühere Texte von Bocian kennt, wird in diesem Buch eine Erweiterung und einen Tiefgang der Einflussfaktoren auf Perls und seine Zeitgenossen finden.

Im ersten Abschnitt, Biographische Bausteine, werden die frühen Einflüsse auf Fritz Perls beschrieben und zu einander in Zusammenhang gestellt: der erste Weltkrieg, der Expressionismus, die Psychoanalyse und ihre Weiterentwicklungen, der jüdische Hintergrund, Perls’ Familienverhältnisse, die kulturellen und politischen Bewegungen dieser Zeit, die Ganzheitskonzepte, und vieles mehr. Im zweiten Abschnitt, Zur Aktualität der Erfahrungen der deutsch-jüdischen Großstadtavantgarde, wird, u.a. die gestalttherapeutische Widerstandstheorie vor dem Hintergrund von Perls’ Überlebenserfahrungen als Teil der vertriebenen deutsch-jüdischen Großstadtavantgarde verstanden, eine Frage der Zugehörigkeit, der Autonomie, Individualität und des Selbstdenkens, aber vor allem der Identität. Das Buch, eine große Bereicherung für die Gestaltgemeinschaft, ist empfehlenswert für praktizierende GestalttherapeutInnen, aber natürlich auch für AusbildungskandidatInnen und SupervisandInnen. Es sind mir beim Lesen viele Lichter aufgegangen!

 

Brigitte Holzinger (2007)
Anleitung zum Träumen. Träume kreativ nutzen.
Stuttgart: Klett-Cotta. ISBN: 978-3-608-86008-5

ÖVG-Gründungsmitglied Brigitte Holzinger hat in der Reihe Klett-Cotta Leben! ein lebenspraktisches Buch über Träume und den vielfältigen Umgang damit geschrieben. Das Buch richtet sich nach den Interessen von Laien wie auch Psychotherapeuten und gibt Holzingers Fachwissen als Bewusstseins- und Traumforscherin, das in der Gestalttheorie gründet, in verständlicher Form wieder. In Abwandlung von Sigmund Freuds Bezeichnung des Traumes als „Königsweg zum Unbewussten“, behandelt die Autorin Träume als „den Königsweg zur Entwicklung“ und zeigt ihrem Publikum, wie es die eigenen Träume besser verstehen aber auch aktiv gestalten könnte.

Das erste Kapitel beschreibt, was der Träumer dazu tun kann, um sich mittels seiner Träume besser kennen zu lernen, und bietet dafür Übungsvorschläge. In zweiten und dritten Kapitel macht die Autorin einen Streifzug durch die Geschichte und erzählt, was Träume in anderen Kulturen und in früheren Zeiten bedeutet haben. Interviews über den Traum in ihrer jeweiligen Psychotherapieschule mit August Ruhs, einem Psychoanalytiker und Lacanianer, und mit Reinhard Skolek, einem Jungianer, bilden das vierte Kapitel. Im fünften Kapitel bietet ein Interview mit dem Traumforscher von der Harvard University, Allan Hobson, Forschungsergebnisse aus der Neurowissenschaft des Schlafs. Im sechsten Kapitel beschreibt die Autorin anhand eines Fallbeispiels wie sie die Theorie der Gestalttherapie in die Praxis der Traumarbeit umsetzt. Die körperliche Ebene des Traums wird im siebten Kapitel anhand von praktischen Übungen näher beleuchtet. Anschließend wird der bevorzugte Forschungsbereich von Brigitte Holzinger genauer dargestellt: das luzide Träumen (auch Klarträumen genannt), in dem die träumende Person weiß, dass sie träumt und dabei eine aktive Rolle spielen kann. Im neunten Kapitel wird der Umgang mit Albträumen beschrieben, wobei die positiven Forschungsergebnisse vom luziden Träumen in Kombination mit Gestalttherapie hervorgehoben werden! Interviews mit Kunstschaffenden bilden das letzte Kapitel, das mit einer Übung abgerundet wird, die uns ermutigt, aus unseren Träumen zu schöpfen und so aktiv zur eigenen persönlichen Entwicklung beizutragen. Insgesamt ist Brigitte Holzingers Buch eine inspirierende Ermutigung, sich aktiv mit dem Traumleben zu beschäftigen.

 

Dr. Nancy Amendt-Lyon