Fortbildungsveranstaltungen

Gestalttherapie in multikulturellen Zusammenhängen –
Interkulturelle Interventionen

Leitung:  Dr. Michela Gecele

Termin: Fr 6. Oktober 16:00 bis So 8. Oktober 2017 13:00 Uhr
Ort: Praxis Mag. Nicolai Gruninger, Bäckerstr. 14/13, 1010 Wien
Zielgruppe: PsychotherapeutInnen, Psy-Diplom-ÄrztInnen

Brauchen wir als GestalttherapeutInnen spezielle Kompetenz um im multikulturellen Kontext zu arbeiten?

Unterstützt uns diese Kompetenz auch in unserer alltäglichen Praxis?
Welches Instrumentarium der Gestalttherapie kann angewendet und gegebenenfalls neu definiert werden?
Wie sehr muss der/die/das Andere unterschiedlich sein um anders zu sein? Und in welcher Weise fordert diese variable, unvorhersehbare Differenz unsere Arbeitsweise als PsychotherapeutInnen heraus?

Welches Instrumentarium brauchen wir um z.B. MigrantInnen zu verstehen oder herauszufinden, was in unterschiedlichen Kontinenten vorgeht? Reicht es, wenn unsere Haltung menschlich und empathisch ist? Oder aber, indem wir uns der gegensätzlichen Polarität zuwenden, können wir uns entziehen von multikulturellen Kontexten zu lernen, wenn wir ausschließlich mit Personen unserer eigenen Nationalität arbeiten?

Gestalttherapie verfügt über das Potenzial uns einen interkulturellen Ansatz zu ermöglichen. Die Figur-Hintergrund-Dynamik leitet uns an, die Verschiedenheit der Hintergründe, die im Prozess wirksam sind, zu berücksichtigen. Insofern unterstützt uns dieses Konzept an der Kontaktgrenze zu verweilen trotz aller Hindernisse, die wir vorfinden. Die Definition des Selbst als Kontaktphänomen zeigt uns, dass das Leben ein kontinuierlicher Prozess von Austausch und Veränderung ist.

Gestalttherapie stellt die Perspektive, die Individuen als abgeschlossenen Entitäten und folgend als rigide und fixierte Strukturen definiert, in Frage.

Kultur ist nicht notwendigerweise an einen Ort gebunden, im Gegenteil sie wird an der Kontaktgrenze konstituiert. Und diese Kontaktgrenze wird in jedem Kontaktzyklus von neuem kreiert. Kultur wird kontinuierlich aufgebaut, neu verhandelt und neu definiert. Sie ist die Figur, die in jeder Begegnung kreiert wird und ebenso der Hintergrund aus dem die Figur entsteht. Jede Beziehung beinhaltet interkulturelle Aspekte. Um das wahrnehmen zu können, ist es nötig, uns selbst von unserem eigenen Standpunkt distanzieren zu können.

In diesem Seminar werden wir die Theorie der Gestalttherapie miteinander erleben und Neues dazu entwerfen, wir werden in der Gruppe, in kleinen Gruppen und in Paaren dazu arbeiten. Wir werden Veränderung unserer Perspektive und Dezentralisierung erleben, Introjekte und kulturelle Vorurteile explizit machen, die uns daran hindern, an der Kontaktgrenze präsent zu bleiben. Wir werden uns aber auch mit positiven Vorurteilen beschäftigen, die eine klare Sicht und Spontaneität genauso beeinträchtigen wie negative Vorurteile.

Dazu werden wir unterschiedliche Stimuli verwenden wie etwa Beschreibungen unserer selbst, die andere von uns machen, wenn sie uns beobachten, sowie Experimente, die mit unserem Gefühl der Zugehörigkeit und der eigenen Identität zusammen hängen. Wir werden sogar unsere Annahmen über unsere Erfahrung, insofern sie Raum-Zeit-Koordinaten betreffen, in Frage stellen, unsere logischen Schemata, Kontinuität und Stabilität unseres Erinnerungsflusses. Und wir werden uns für die Integration dieser neuen Erfahrungen Zeit nehmen.

Sich mit interkultureller Psychotherapie auseinanderzusetzen bedeutet primär nicht jemandes anderen Kultur kennenzulernen. Der erste Schritt ist kulturelle Differenzen wahrzunehmen und der wichtigste Schritt ist, Awareness dafür zu entwickeln, wie wir mit unserer eigenen Kultur als sehr intimem und wichtigem Teil unserer selbst umgehen Die Anwendung der autobiografischen Methode der Gestalttherapie ermöglicht uns einen langsamen und gründlichen Einstieg in die kleinen Schritte unseres täglichen Lebens, in die Momente der Trennungen, des Zerfalls, des Wiederzusammenfindens und der Begegnungen. Alle unsere unterschiedlichen Rollen, die wir im Alltag leben, können ein Gefühl von Störung und Verlust auslösen, wenn wir sie nicht lebendig in unserem Fluss der Aufmerksamkeit erhalten. Das wird umso deutlicher, je heftiger die Veränderungen sind, die wir erleben, wie etwa Migrationsprozesse von Individuen oder Familien.

Wir können uns austauschen und explizit machen, auf welchen Wegen wir uns kontinuierlich entwickeln, miteingeschlossen signifikante Orte und Kontexte, auch jene, die in der Erinnerung und Zeit versteckt sind. Wir sind uns klar darüber, dass Psychopathologie von Kultur, sozialen Systemen und politischen Vorstellungen beeinflusst ist, aber für gewöhnlich erleben wir nicht das Ausmaß, indem wir von diesen Faktoren bestimmt sind. Wir sind Teil davon. Es geht darum, mit zu bedenken wie die therapeutische Haltung mit möglicherweise von uns sehr unterschiedlichen Personen gestützt werden kann, und dadurch unsere Awareness zu erweitern und den kritischen Zugang zu Diagnose und Behandlung zu erhalten.

An diesem Workshop teilzunehmen wird nicht nur unterstützend für jene sein, die mit “fremden” Menschen arbeiten, sondern für die Arbeit mit all unseren KlientInnen, weil diese immer auch “kulturell“ unterschiedlich von uns selbst sind.

Seminarkosten: € 240.- für Mitglieder der ÖVG/ € 340.- für Nicht-Mitglieder der ÖVG

TeilnehmerInnenanzahl: max. 16

Anrechenbarkeit für psychotherapeutische Fortbildung: 16 Arbeitseinheiten zu je 45 Minuten

Anmeldeformular: Anmeldeformular.pdf

Kurzbiografie: Dr. Michela Gecele, Psychiaterin, Psychotherapeutin, Supervisorin, lehrt der Gestalt Psychotherapy Ausbildung des Istituto die Gestalt H.C.C.

Sie arbeitet seit 21 Jahren im öffentlichen psychiatrischen Versorgungsdienst in Italien. Drei Jahre lang hat sie ein psychiatrisches und psychologisches Versorgungsnetz für MigrantInnen koordiniert und arbeitet als Supervisorin im öffentlichen psychiatrischen Gesundheitsbereich und für dessen Angebote für MigrantInnen. Sie hat zahlreiche Artikel und Bücher im Bereich der Psychiatrie, Psychotherapie und zu transkulturellen Themen veröffentlicht. Sie ist Mitglied des Komitees für „Human Rights and Social Responsibility“ in der EAGT.

Außerdem schreibt sie Krimis, die durch ihre Art, Gestalt(therapie) zu denken und zu leben, inspiriert sind.